Es gibt Geschichten, die mit Flucht beginnen und im „langweiligen“ Alltag enden: an der Supermarktkassa, im Barbershop, im Tierfachgeschäft. Genau dort trifft Veronika Zweimüller ihre ehemaligen Klient*innen wieder - und weiß bei jeder Begegnung, dass das Warten sich gelohnt hat.
Asylwerber*innen verbringen oft Jahre im Wartemodus. Jahre des Hoffens, des Ausharrens, des Noch-nicht-Loslegen-Dürfens. Und dann – irgendwann – beginnt das Leben. Manchmal bemerkt man das erst viel später. Zum Beispiel an der Supermarktkassa.
Genau dort stand Veronika Zweimüller, Leiterin der Flüchtlingshilfe in der Region OÖ West, als sie plötzlich angesprochen wurde. Hinter ihr: eine ehemalige Klientin. Eine Frau aus Syrien, die vor rund zehn Jahren im Zuge der großen Fluchtbewegung nach Österreich gekommen war. Damals mit kleinen Kindern, vielen Sorgen und einem Leben voller Fragezeichen. Heute arbeitet sie in Vollzeit als Schulköchin. Die zwei kleinen Buben von damals besuchen inzwischen die Oberstufe eines Gymnasiums. Und als wäre das nicht schon Grund genug zu staunen, erzählt sie noch schnell: Die Familie hat sich eine Eigentumswohnung gekauft – und der Antrag auf die österreichische Staatsbürgerschaft ist auch schon abgegeben.
Vom Flüchtlingshaus zum Barbershop
„Es ist immer wieder schön zu sehen, was aus den Menschen geworden ist“, sagt Veronika Zweimüller. Solche Geschichten begegnen ihr auch an anderen Orten. Wenn ein Geburtstag oder Weihnachten ansteht, kauft sie Gutscheine im Barbershop ihres Vertrauens – geführt von einem Mann, den sie noch aus seiner Zeit im Flüchtlingshaus kennt. Schon damals schnitt er dort Haare – heute ist er Besitzer eines eigenen Geschäfts. Vom Friseur im Zimmer zum eigenen Barbershop – das ist ein weiter Weg. „Wir schätzen seine unkomplizierte, freundliche Art sehr“, sagt Zweimüller. „Mitunter ein Grund dafür, warum mein Partner mittlerweile Stammkunde bei ihm ist.“
Überrascht und erfreut war sie auch, als sie sich für eine Photovoltaik-Anlage beraten lassen wollte. Vor ihr stand ein junger Mann, den sie sofort erkannte: 2014 war er einer von 75 syrischen Männern, die sie in einem Notquartier betreut hatte. Heute arbeitet er im Außendienst und bietet eine kompetente und hochwertige Beratung an.
Fremdenführer in der Fremde
In der Mittagspause geht Veronika Zweimüller gerne zu Shiraz. Der Syrer ist im Jahr 2015 nach Österreich geflohen und betreibt mittlerweile sein eigenes Kebap-Restaurant im Innviertel. „Man trifft dort immer Menschen, die ich bereits seit vielen Jahren kenne. Man erfährt, wer den Führerschein gemacht hat, wer den Antrag auf Staatsbürgerschaft abgegeben hat und wo die Leute nun arbeiten“, so Zweimüller. „Zudem finde ich hier oft Menschen, die spontan bei Übersetzungen helfen oder mir in schwierigen Beratungssituationen weiter. Shiraz kann mir auch zur aktuellen Situation in Syrien vieles erzählen.“
Und dann gibt es noch diese Begegnung im Urlaub. In Vorarlberg trifft sie einen ehemaligen Klienten wieder, der dorthin gezogen ist. Rollenwechsel inklusive: Veronika, selbst „Fremde im Ländle“, bekommt eine private Sightseeing-Tour – geführt von ihrem syrischen Bekannten als „Fremdenführer“, der ihr seine neue Heimat zeigt.
„Über die Jahre so vielen Menschen wieder zu begegnen, ist etwas ganz Besonderes“, sagt Veronika Zweimüller. „Und wir sind schon gespannt, welche Geschichten uns jene erzählen werden, die in den letzten Jahren bei uns angekommen sind.“
