Hila Etehemaj sortiert gemeinsam mit Sozialarbeiterin Anna Hagg die Kleidungsspenden.

Hila Etehemaj sortiert gemeinsam mit Sozialarbeiterin Anna Hagg die Kleidungsspenden.

Vom Aussortieren zum Neuanfang

„Ist das noch gut, oder kann das weg?“, fragen sich viele beim Ausmisten. Im Caritas-Sachspendenlager stellt sich diese Frage bei jedem Handgriff. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, wie viel Mühe es braucht Dinge – und Menschen – im Kreislauf zu halten.

Anna Hagg kippt eine Schachtel Kleidung auf den Tisch. Jedes Stück wird genau geprüft. Das T-Shirt mit dem „I love Paris“-Aufdruck, die Skinny Jeans, die Unterhose mit Flecken. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Neben ihr steht Hila Etehemaj und sucht konzentriert mit nach den guten Teilen. Gerade als Anna das Shirt zu den guten Teilen geben will, hält sie Hila zurück. „Nein, schau, da ist ein Loch.“

So kommt es doch zum Recycling und Hila kann stolz auf sich sein. Sie arbeitet erst seit wenigen Monaten hier, als Hilfskraft, nach Jahren ohne Arbeit, in denen sie acht Kinder großgezogen hat oder in schlechten Jobs ausgenutzt wurde. Jetzt lernt sie schnell. Ihr Deutsch wird besser. Und wenn sie etwas entdeckt, das Sozialarbeiterin Anna übersehen hat, ist das ein kleiner Erfolgsmoment.

Der Kreislauf hat Grenzen

Auf 600 Quadratmeter stapeln sich in der Linzer Industriezeile 47a Kisten, Tonnen und Rollwagen. Seit September letzten Jahres hat hier das Sachspendenlager der Caritas seine neue Heimat. Doch nicht nur der Ort ist neu, auch die Hände, die mitanpacken. Denn damit eine noch brauchbare Jeans wieder in den Kreislauf findet, braucht es viele Arbeitsschritte. Vieles wird aussortiert. Die Bilanz ist nüchtern: 60 bis 70 Prozent der Spenden sind oft nicht mehr verwendbar. Ein Teil wird zu Dämmmaterial weiterverarbeitet, der Rest muss kostenpflichtig entsorgt werden. 

Was bleibt, wird genau zugeordnet: Kleidung nach Jahreszeiten, Spielzeug und Bücher nach Altersgruppen. Es gibt auch Dinge, die verwertbar, aber nicht verkaufbar sind – etwa Decken, die im Geschäft nicht passen, in einem Flüchtlingshaus aber dankbar angenommen werden. Mitdenken ist in jeder Hinsicht gefragt. 

Arbeit auf Probe, Leben auf Neustart

Damit all das gelingt, werden seit September drei Hilfskräfte im Sachspendenlager eingeschult. Möglich macht das das Projekt „Sortierung neu“.* Es bietet Menschen, die lange arbeitslos waren, eine befristete Anstellung – mit dem Ziel, nach einem Jahr wieder Fuß am Arbeitsmarkt zu fassen. Begleitet werden sie dabei von Sozialarbeiterin Anna Hagg. 

Drei Arbeitsplätze sind es – bei weit größerem Bedarf. Mehr als zwei Dutzend Bewerbungen gingen ein: unter anderem aus dem Gefängnis, von Sexarbeiter*innen, aus Ausbildungsprojekten für Menschen mit Beeinträchtigungen. 

Ausgewählt wurden schließlich Hila, die 57-jährige Albanerin, deren Kinder akzentfrei Deutsch sprechen und die sich selbst jahrelang zurückgenommen hat. Michael, ein gelernter Elektriker, der an seinen eigenen Ansprüchen zerbrochen und im Burn-out – und in der Wohnungslosigkeit – gelandet ist. Und Tina, 20 Jahre, mit Lernschwäche und Einstellungsbescheid. Alle drei arbeiten 20 Stunden pro Woche im Sachspendenlager. Nach einem Jahr werden die Plätze neu vergeben.

Crashkurs Materialkunde

Es ist ein intensiver Lernprozess. Nicht nur Sortieren steht auf dem Programm, auch Schulungen finden statt: Wie telefoniere ich? Wie erkenne ich unterschiedliche Materialien und woran mache ich die Qualität eines Kleidungsstücks fest? Wie schreibe ich eine Bewerbung? Sozialarbeiterin Anna Hagg und die fachliche Ausbildnerin Remiza Milovanovic arbeiten dabei zusammen, um den dreien ein umfassendes Wissen zu vermitteln. Gemeinsam geht es auf eine Exkursion ins Altstoffsammelzentrum. Auch die Grundlagen von Logistik und Lagerhaltung werden vermittelt.

Als Anna Hagg durchs Lager ins Büro gehen will, kommt ihr ein älterer Mann entgegen. Er hat Sachspenden im Auto und braucht ein Wagerl, um alles in den 2. Stock zu transportieren. Die Sozialarbeiterin dreht um und gibt ihm eines. So ganz allein traut sie Hila den Empfang der Spender*innen noch nicht zu. Denn auch das will gelernt sein: freundlich bleiben, Auskunft geben, auch mit schlechter Laune umgehen. Denn nicht jeder ist guter Stimmung, nachdem er durch das verwinkelte Lager gefunden hat.

Für die Hilfskräfte gibt es dabei so einige Aha-Erlebnisse. Bei Büchern gehören die Innenseiten ins Altpapier, der Umschlag zum Karton. Geschirr zählt als Bauschutt. Bei Spielen gehört immer genau durchgezählt, ob alle Teile vorhanden sind.

Vom Ehrenamt zum Vollzeitjob

Wenn alles sortiert ist, kommt Siamak Habibi-Bardi. Er verteilt die Sachspenden auf die CARLA-Shops, beliefert die Geschäfte und holt Ware ab. Seit Juli 2025 ist der Iraner fix angestellt. Davor arbeitete er zwei Jahre lang ehrenamtlich mit, während er auf seinen Asylbescheid wartete.

„Insgesamt habe ich neun Jahre gewartet“, erzählt er. Und doch blieb kaum Zeit, sich Sorgen zu machen. Sein Sohn kam zur Welt. Mit dem kleinen Baby hatte er alle Hände voll zu tun. Und noch mehr, als das Kind vier Jahre alt war und die Diagnose Autismus erhielt. „Ich habe völlig vergessen, dass ich im Asylverfahren bin“, sagt er. „Du hast alles verloren und deine Heimat verlassen. Dann bekommst du ein Kind, und dieses Kind gibt dir so viel Hoffnung. Und dann diese Diagnose.“

Jahrelang kämpfte Siamak darum, die passende Unterstützung für seinen Sohn zu finden. Erst als das Kind Therapien bekam, wurde auch der Kopf des Vaters wieder frei. 2023 begann er ehrenamtlich im Sachspendenlager mitzuarbeiten.

Fließen statt dahindümpeln

„Wenn man so lange sitzt, fällt das Aufstehen oft schwer“, sagt er. „Aber nach jedem Arbeitstag war ich tagelang glücklich. Arbeit gibt Selbstwert.“ Dann lächelt er und sagt: „Wir sind wie Wasser: Wenn wir an einem Platz bleiben, werden wir faulig und stinken. Wir müssen sein wie ein Fluss.“

Der studierte Chemiker und IT-Fachmann fängt klein an: Nach zehn Jahren fern vom eigenen Beruf freut er sich über seinen Fahrdienst. „Ich arbeite bei einer guten Organisation. Das macht mich stolz.“ Seit August letzten Jahres lebt er mit seiner Familie zum ersten Mal seit zehn Jahren in einer eigenen Wohnung. Hier kommt niemand ohne Klingeln zur Tür herein, um ihn zu kontrollieren. Eine Abschiebung hängt nicht mehr wie ein Damoklesschwert über ihm. „Jetzt kann ich planen und wirklich nach vorne schauen“, sagt Siamak. „Ich selbst habe als Kind viele schlechte Erfahrungen gemacht. Das ist jetzt, was mir wichtig ist: Meinem Kind ein gutes Umfeld zu geben.“

So ist die Halle in der Linzer Industriezeile ein Lager, in dem nicht nur Dinge sortiert werden – sondern auch Lebenswege. Für Menschen, die lange keinen Platz im Arbeitsleben hatten, wird hier wieder Ordnung in den Alltag gebracht. Schritt für Schritt, Kiste für Kiste.

* Das Projekt wird gefördert von der Kommunalkredit Public Consulting GmbH (KPC) und dem Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft. 

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