Am Linzer Domplatz wird nicht nur gekocht und verkauft – hier entstehen Verbindungen. Zwischen Jugendlichen und Gästen, zwischen Unsicherheit und Selbstvertrauen, zwischen Jetzt und Zukunft. Beim Speisewagen der Caritas lernen Jugendliche, ein Rezept für ihr Leben zu finden.
Die Stammgäste erkennt man an den mitgebrachten Behältern. Drei Aluschalen stehen bereit, die Pia und Alex mit Chili sin Carne befüllen. Am Vormittag haben sie es selbst gekocht, jetzt geben sie Portion für Portion aus dem Speisewagen aus. Die Handgriffe sitzen, doch im Gespräch mit den Gästen braucht es manchmal Mut. „Wieviel kostet das Chili?“, fragt eine Kundin nach. Alex antwortet leise. Nicht immer laut genug, um gleich verstanden zu werden.
Hinter ihm steht Ausbildner Bernhard Fischer. Meist lässt er die Jugendlichen machen, beobachtet, greift nur ein, wenn nötig. Eine kleine Geste, ein kurzer Blick – oft reicht das, um Sicherheit zu geben.
Aufgetischt fürs Leben
Dreimal pro Woche fährt der Speisewagen durch Linz und bietet ein abwechslungsreiches Mittagsmenü. Immer dabei sind zwei Jugendliche und einer der drei Ausbildner des Projekts. Sie begleiten zehn junge Menschen zwei Jahre lang. Gekocht wird täglich: Käsespätzle, Lasagne, Salate. Doch es geht um mehr als Rezepte.
„In dieser Zeit sollen die Jugendlichen herausfinden, wo ihr Weg hingeht“, sagt Fischer: „Viele stehen noch am Anfang. Sie probieren aus, orientieren sich, verändern ihre Ziele.“
Der Speisewagen wird dabei zur Brücke hinaus in eine Arbeitswelt, die für viele zunächst fern wirkt. Hier erleben die Jugendlichen, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen, mit Kund*innen zu sprechen, selbstwirksam zu sein. Was sie in der Küche erarbeiten, steht wenig später als fertiges Gericht vor ihnen – inklusive direktem Feedback der Kund*innen.
In der Gruppe an Gleichgesinnten läuft es besser. Zwar unterscheiden sich bei zehn Jugendlichen die Berufswünsche - nur einer möchte Koch werden - doch im Grund wollen alle dasselbe: den Sprung ins Berufsleben schaffen.
Gelingt es einem der Jugendlichen, motiviert das den Rest der Gruppe, selbst dranzubleiben. Denn auch sie erleben immer wieder Rückschläge, bekommen Absagen, und müssen mit diesem Scheitern umgehen. „Wenn man nicht genommen wird, ist das nicht leicht zu verkraften“, sagt Fischer. Insbesondere für Jugendliche, die zuhause keinen sicheren Hafen haben, und die in ihrem Leben schon vieles alleine stemmen mussten. Für sie ist es umso wichtiger, jemanden an ihrer Seite zu haben, der stärkt, einordnet, ermutigt.
Tapetenwechsel
Das ist auch die Basis, auf der Bernhard Fischer arbeitet: Er möchte ihr Selbstvertrauen stärken und ihnen Strategien mitgeben, wie sie mit Niederlagen umgehen können.
Der gelernte Koch arbeitete über 20 Jahre in der Gastronomie. In der Corona-Zeit kam er ins Reflektieren und entschied, den Job nicht bis in die Pension so weiterführen zu wollen. Daher wechselte er in das Caritas-Ausbildungsprojekt. Statt Lehrlingen bringt er nun den Jugendlichen bei, worauf es im Berufsleben ankommt. Dabei kommt ihm zugute, dass die Küche sein zweites Zuhause ist: Alle Jugendlichen sind unterschiedlich - und die Küche hat ein breites Arbeitsspektrum. Hier findet er für jeden ein passendes Feld und kann sich flexibel anpassen. Manche sind feinmotorisch geschickt, andere können gut abschmecken. In seinem Fachgebiet kann er schnell herausfinden, was wem gut liegt.
Parallel zur Arbeit im Speisewagen schloss er die Ausbildung zum Behindertenbegleiter ab. Das gab ihm auch den fachlichen Hintergrund, um Diagnosen wie Autismus mit all seinen Ausprägungen wirklich zu verstehen.
Wo Selbstvertrauen wächst
Fehler dürfen passieren, ist das Credo des Ausbildungsprojekts. Ein umgestoßener Topf, zu viel Salz in der Suppe – das sind keine Katastrophen, sondern Lernmomente. „Die Jugendlichen haben in ihrem Leben oft genug gehört, was sie nicht können“, weiß Fischer: „Hier sollen sie erleben, was sie können.“
Ein vorurteilsfreies Miteinander ist es auch, das die Jugendlichen im direkten Kontakt mit den Gästen erleben. Die meisten kommen unvoreingenommen und einfach, weil sie schnelles, gutes Essen wollen, ohne zu wissen, dass der Speisewagen ein Caritas-Projekt für Jugendliche mit Behinderungen ist. Was entsteht, ist Begegnung auf Augenhöhe. Eine zweite Brücke: zur Gesellschaft.
Manche Jugendlichen blühen in diesen Momenten auf. Andere bleiben zurückhaltend. Doch mit jeder Ausgabe, mit jedem Gespräch wächst etwas: Selbstvertrauen.
Zimt und Zuversicht
Diese Entwicklung setzt sich in der Küche fort – bei Bernhard Fischer sowie auch in der „Süßen Küche“. Weitere zehn Jugendliche kreieren hier täglich bis zu hundert Kuchenstücke, bei Veranstaltungen sogar ein Vielfaches. Bananenschnitten, Müsliriegel, Kuchen.
Die Jugendlichen lernen, Rezepte zu lesen, Abläufe zu strukturieren, eigenständig zu arbeiten. Manchmal beginnt das ganz basal – mit Lesetraining. Manchmal geht es einen Schritt weiter: eigene Ideen umsetzen, kreativ dekorieren, Verantwortung übernehmen.
„Oft sind sie selbst überrascht, was sie schaffen“, sagt Franziska Kuschnik in der Süßen Küche.
Auch hier wird gebaut – an einer Brücke zum eigenen Können. Zur Erfahrung: Ich kann etwas. Ich schaffe etwas.
Vom Praktikum ins Arbeitsleben
Schon nach drei Monaten machen die Jugendlichen das erste Praktikum. Dann verlassen sie die geschützte Umgebung und tauchen ein in den Arbeitsalltag von Kantinen, Großküchen, Bäckereien oder Restaurants. Es sind erste Schritte in Richtung Arbeitsmarkt – und oft auch ein ehrlicher Realitätscheck. Hier zeigt sich deutlicher, wo Stärken liegen und wo es noch Unterstützung braucht. Die Jugendlichen erleben, wie sich ein Job tatsächlich anfühlt, und schärfen dabei ihre eigene Selbsteinschätzung.
Die Ausbildner*innen sind dabei eng eingebunden: Sie stehen in regelmäßigem Austausch mit den Betrieben und greifen die Rückmeldungen nach dem Praktikum auf. Gemeinsam mit den Jugendlichen arbeiten sie an den nächsten Entwicklungsschritten. Im besten Fall wird aus einem gelungenen Praktikum mehr: eine konkrete Jobchance.
Kein Sprint, sondern ein Marathon
Doch die zwei Jahre im Projekt sind oft knapp bemessen. „Eigentlich bräuchten viele mehr Zeit“, sagt Kuschnik. Zeit, um Sicherheit zu gewinnen. Um Rückschläge zu verarbeiten. Um ihren Weg zu finden.
Denn Entwicklung verläuft selten geradlinig. Manchmal braucht es Umwege. Pausen. Zweite Anläufe.
Wie bei jenem Jugendlichen, der mit 15 Jahren ins Projekt kam – und zunächst keinen Halt fand. Er hatte Autismus und noch keine Strategien entwickelt, um mit seinen Aggressionen umzugehen. Mit 25 Jahren probierte er es erneut. In dieser Zeit hatte er Fortschritte gemacht. Er hatte gelernt, mit seinen Gefühlen umzugehen. Nach einem Jahr konnte er eine Lehre beim Ausbildungsprojekt „Back MA’s“ starten.
Immer wieder kommen ehemalige Teilnehmer*innen zurück, um Danke zu sagen. Dann wird sichtbar, was hier entstanden ist, und welche Brücke erfolgreich gebaut wurde, Schritt für Schritt. Zur Arbeitswelt. Zur Gesellschaft. Und vor allem: zu sich selbst.
