Sechs Personen lustig bekleidet

Viel improvisiert hat Praktikantin Simone Wohlfart (vorne) mit den Mitgliedern der Theatergruppe St. Pius.

Praktikum bei der Caritas hat Berufswunsch verstärkt

Das viermonatige Praktikum am Caritas Standort St. Pius hat Simone Wohlfart (24) in ihrem beruflichen Ziel bestärkt. Sie möchte einmal Psychotherapeutin oder Klinische Psychologin werden.

Nach der HTL-Matura hat die Andorferin vier Jahre lang als Technische Zeichnerin gearbeitet – aber der Kontakt mit Menschen ist ihr abgegangen. Daher entschied sie sich, berufsbegleitend eine Ausbildung zur Psychotherapeutin zu machen. Durch das dafür notwendige Praktikum im Ausmaß von 480 Stunden verschlug es die junge Frau Anfang Mai nach Peuerbach. Nicht von ungefähr, denn ihre Mutter ist am Caritas-Standort Andorf tätig, ihre Tante in St. Pius in Steegen/Peuerbach.

„Ich bin ganz offen an die Sache herangegangen“ 

„Mal- und Gestaltungstherapie, das klang spannend. Außerdem hatte eine ehemalige Praktikantin davon geschwärmt, wie abwechslungsreich und schön es dort ist“, schildert Wohlfart. Ihr war bewusst, dass Menschen mit Behinderungen mit anderen Herausforderungen konfrontiert sind, zumal sie schon in ihrer Kindheit mit ihnen in Kontakt kam. „Durch meine Mutter unternahmen wir viele Ausflüge mit den von ihr betreuten Menschen. Berührungsängste hatte ich daher keine, aber wie der Alltag in der Maltherapie ablaufen wird, konnte ich mir zu Beginn nicht so richtig vorstellen. Ich bin völlig offen an die Sache herangegangen“, erzählt sie. 

„Meine ruhige Art hat mir dabei sicher sehr geholfen. Ich beobachte viel und höre gerne zu. Dadurch konnte ich die Menschen kennenlernen und versuchen zu verstehen. Zudem hat mir meine Geduld und mein ehrliches Interesse am Wohlergehen der Menschen mit Behinderungen geholfen, rasch Beziehungen aufzubauen“, sagt Wohlfart: „Ich wurde von allen sehr herzlich aufgenommen. Bald haben sie mir erzählt, was sie am Wochenende oder im Urlaub gemacht haben. Und Lisa-Maria Schachner, Mal- und Gestaltungstherapeutin in St. Pius, mit der ich intensiv zusammengearbeitet habe, hat mich sehr gut begleitet.“ 

Ein Blick genügte 

Bei Pauline (20) hatte sie offenbar einen Startvorteil. Die junge Frau im Autismus-Spektrum hält für gewöhnlich nicht viel Augenkontakt zu anderen Menschen, aber bei Simone genügte ein Blick und sie wünschte sich die Praktikantin zur Überraschung des Betreuerteams gleich an ihre Seite. „Von da an bin ich praktisch jeden Tag neben ihr gesessen“, so Wohlfart. 

Je nach Tagesprogramm wurde vormittags in Kleingruppen bis zu sechs Personen gearbeitet. In der Mal- und Gestalttherapie galt es den Arbeitsplatz für jene, die dazu nicht in der Lage waren, vorzubereiten. Dann durfte jede Person ihre Kreativität ausleben. „Bei manchen habe ich versucht, sie etwas anzuleiten. Bei Regina ist es mir gelungen, dass sie nicht nur Vierecke malte, sondern auch einmal einen Kreis und zum Schluss waren wir schon bei kleinen Manderln“, schildert Wohlfart erfreut.

Bei Theatergruppe viel improvisiert

In der Theatergruppe wurde viel improvisiert, zu Themen, die den Teilnehmer*innen gerade am Herzen lagen. „Zum Beispiel halten sie große Stücke auf Kaffeehausbesuche. Daher haben wir das szenisch umgesetzt‘‘, so die junge Frau, die soeben ihr Psychologiestudium in Salzburg gestartet hat: „Um die Psychotherapieausbildung abzuschließen, habe ich mich entschieden zuerst den Bachelor in Psychologie zu absolvieren. Damit habe ich den Weg der neuen Psychotherapieausbildung ab 2026 gewählt." 

Auch in der Literaturgruppe gab sie Themen vor, wenn kein Vorschlag von den Autor*innen kam. Dann wurde geschrieben und die Ergebnisse gemeinsam besprochen. Neben den Gruppen-Aktivitäten gab es nachmittags Einzelsettings, vor allem für Menschen, die lieber allein bleiben wollten oder eine Intensivbetreuung benötigen.

„Außer ein paar banale Meinungsverschiedenheiten habe ich nicht viel regeln müssen, aber das ist in der KUNST-Gruppe sicher leichter, weil jeder seine individuellen Bedürfnisse ausleben darf“, meint Wohlfart. 

Freude, Ehrlichkeit und Wertschätzung 

„Ich habe in St. Pius erlebt, wie viel Freude, Ehrlichkeit und Wertschätzung in kleinen Momenten liegen können. Das hat mich geerdet. Das Leben hängt nicht nur von Leistung allein ab“, ist sie überzeugt. Simone Wohlfart will künftig bewusster auf die kleinen Dinge achten, die große Freude bereiten können. Aus ihrer Praktikumserfahrung kann sie anderen nur empfehlen, keine Angst vor dem ersten Kontakt mit Menschen mit Behinderungen zu haben. „Begegne ihnen mit Offenheit und Respekt. Dann merkst du schnell, dass die Gemeinsamkeiten viel größer sind als die Unterschiede“, sagt die junge Frau. 

Als sie während des Praktikums wegen einer Prüfung einen Tag gefehlt hat, ging sie schon ab. „Das hat mir gezeigt, dass ich einen guten Zugang zu anderen Menschen habe und diese Stärke unbedingt beruflich weiterverfolgen möchte“, so die Andorferin. Wenn es nach ihr geht, möchte sie das nächste Praktikum am Caritas-Standort St. Isidor machen, um einen weiteren Einblick in die Begleitung von Menschen mit Behinderungen zu bekommen.

Info zum Praktikum

Wer im Rahmen des psychotherapeutischen Propädeutikums ein Praktikum sucht und dabei therapeutische Arbeit im künstlerischen Bereich unmittelbar erleben möchte, findet bei den Speziellen Diensten St. Pius einen Ort, an dem Lernen, Mitgestalten und persönliche Begegnungen gleichermaßen Platz haben.