Gesundheit: Barrierefrei? Es kommt darauf an...

Sind Menschen mit Verständnisschwierigkeiten im Gesundheitssystem benachteiligt? Wo können sie sich über Gesundheitsthemen informieren? Wird in Ordinationen und Krankenhäusern darauf geachtet, möglichst barrierefrei zu kommunizieren? Das Team der Inklusiven Redaktion der Caritas OÖ ist diesen Fragen nachgegangen.  

Von Andreas Knogler, Cornelia Pfeiffer, Susanne Sametinger und Sabine Zeller

„Ich gehe zu jedem Arzt allein, auch ins Krankenhaus. Wenn ich etwas nicht verstehe, kann ich nachfragen. Die Ärzte fragen auch, ob ich noch etwas wissen will und ob alles passt“, sagt Sandra Selimi, die in einer betreuten Wohneinrichtung der Caritas OÖ wohnt. „Ich verstehe nicht immer alles, aber ich kann nachfragen“, erzählt auch ihre Mitbewohnerin Karin Höller. „Wenn ich etwas trotzdem nicht verstehe, lasse ich es aufschreiben. Oder ich spreche mit meiner Betreuerin darüber.“

Cornelia Pfeiffer und Andreas Knogler vom Team der inklusiven Redaktion der Caritas OÖ haben sich in ihrem persönlichen Umfeld in betreuten Wohneinrichtungen der Caritas OÖ umgehört. Die Antworten und auch ihre eigenen Erfahrungen zeigen, dass Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen in Ordinationen und auch im Spital durchaus mit Verständnis und Unterstützung rechnen können. Betreuer*innen bestätigen diesen Eindruck – mit ihrer Erfahrung und ihrem Service tragen auch sie wesentlich dazu bei, eine gute Kommunikation sicherzustellen: Zum Beispiel, indem sie speziell für ihre Kund*innen zusammengestellte Info-Mappen zum Arztbesuch mitnehmen.

Recht auf barrierefreien Zugang

Grundsätzlich haben Menschen mit Beeinträchtigungen in Österreich ein Recht auf einen barrierefreien Zugang zur Gesundheitsversorgung. Dies ist im Artikel 25 der UN-Behindertenrechtskonvention sowie im Nationalen Aktionsplan Behinderung (2020-2030) festgelegt. Dennoch werden Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen im Zusammenhang mit Barrierefreiheit im Gesundheitsbereich nicht systematisch mitgedacht. Es gibt bauliche Vorschriften, oft auch Maßnahmen für Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen oder blinde Menschen. Eine allgemeine Regelung zur Verwendung von einfacher oder leichter Sprache in Ordinationen und Spitälern fehlt jedoch. Dabei würden davon nicht nur Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen profitieren, sondern auch Menschen mit geringen Deutschkenntnissen und alle, die sich beim Arzt vielleicht in einer Ausnahmesituation befinden und mit komplizierten Fachausdrücken wenig anfangen können.

Trotz ausführlicher Recherche ist es dem Team der Inklusiven Redaktion nicht gelungen, einen brauchbaren Überblick zu finden über Gesundheitsinformationen, einschlägige Angebote und Einrichtungen, die auf die Bedürfnisse kognitiv beeinträchtigter Menschen ausgerichtet sind. Die Österreichische Gesellschaft für Qualitätssicherung & Qualitätsmanagement in der Medizin (ÖQMed) betreibt zwar eine Web-Plattorm, auf der nach barrierefreien Ordinationen nach Standort, Fachrichtung und Anforderungen gesucht werden kann, die Ergebnisse sind jedoch unvollständig bzw. nicht mehr aktuell.

www.wobinichrichtig.at

Informationen in einfacher Sprache bietet zum Beispiel das oberösterreichische Projekt „Wo bin ich richtig?“, das die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) gemeinsam mit dem Land OÖ und wichtigen Stakeholdern im Gesundheitsbereich initiierte. Im Fokus der barrierefreien Webplattform stehen Informationen über die richtigen Anlaufstellen im Gesundheitssystem und die Hilfe zur Selbsthilfe. Dies in erster Linie mit dem Ziel, Menschen, die das Gesundheitssystem in Österreich nicht kennen, die richtige Nutzung zu vermitteln.  Die Informationen stehen in vielen Fremdsprachen und in einfacher Sprache zur Verfügung.

Auch für Gesundheitspersonal bietet die Plattform einige nützliche Informationen im Videoformat sowie als Manual zum Download – unter anderem auch zur Kommunikation mit den Patient*innen.

Wie sieht es generell mit der Schulung von Gesundheitspersonal aus? Die OÖ Gesundheitsholding (OÖG), mit einem Marktanteil von 53,5% größter Krankenhausträger in Oberösterreich, betreibt das Kepler Universitätsklinikum und fünf Regionalkliniken an acht Standorten. Sie verweist auf zahlreiche Angebote: Schulungen in nonverbaler  Kommunikation und spezielle Online-Schulungsprogramme zu Demenz für alle Mitarbeiter*innen, ein Modul zum Thema „Palliative Care bei Menschen mit Demenz und kognitiven Erkrankungen“ im Rahmen des Interprofessionellen Palliativ-Basislehrgangs, Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigungen im Rahmen der Sonderfachgrundausbildung für Ärzt*innen sowie mehrere einschlägige Ausbildungsinhalte im Rahmen der Pflegeausbildung.

Zudem wird in allen Krankenhäusern Sozialberatung für Menschen mit Beeinträchtigungen geboten.

Auch die ÖGK verweist auf spezielle Angebote: So ist man im Zahngesundheitszentrum in Linz auf die Bedürfnisse von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen ausgerichtet. Ein mobiles Zahnbehandlungsteam behandelt bei Bedarf Menschen in Pflege- und Betreuungseinrichtungen. Im ÖGK-Kurhaus „Mein Tisserand“ in Bad Ischl ist das Personal in den Grundzügen der Gebärdensprache geschult und die technische Infrastruktur an die speziellen Bedürfnisse von gehörlosen Menschen angepasst. Und das „Netzwerk Hilfe“ der ÖGK bietet Case- und Caremanagement aus einer Hand: Besonders häufig würden komplexe Anliegen begleitet, wo zum Beispiel auch viele Behördenwege außerhalb der ÖGK notwendig sind. Das Netzwerk komme häufig für Versicherte mit kognitiver Beeinträchtigung zum Einsatz, informiert ein Sprecher der ÖGK.

Innerhalb des Unternehmens hat die ÖGK, mit rund 7,5 Mio Versicherten die größte Krankenversicherung Österreichs, 2022 das Projekt „My Ability“ abgeschlossen: Ziel des Projekts war es, einen Ist-Stand der Aktivitäten in den Bereichen Diversität, Behinderungen, Barrierefreiheit und Inklusion zu erheben: So ist die Website www.oegk.at barrierefrei und eine leicht verständliche Sprache wurde unternehmensweit als Standard festgelegt, informiert die ÖGK. Dazu habe die Gesundheitskasse den Leitfaden „Gut gesagt!“ für alle Mitarbeiter*innen herausgegeben. Wichtige Publikationen werden im Unternehmen auf Verständlichkeit überprüft.

Fazit: Es gibt Initiativen, um Kommunikationsbarrieren im Gesundheitssystem möglichst klein zu halten oder aus dem Weg zu schaffen. Websites von wichtigen Anlaufstellen sind oft, aber nicht immer barrierefrei gestaltet, da und dort stehen auch Informationen in einfacher Sprache zur Verfügung. Auch in der Aus- und Fortbildung sind die Bedürfnisse von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen ein Thema.

In der Praxis kommt es – wie so oft im Leben – darauf an, mit wem man es zu tun hat: Viele Ärzt*innen, Pflegepersonal und Therapeut*innen bemühen sich, mit ihren Patient*innen auf Augenhöhe zu kommunizieren. Betreuungspersonen in Einrichtungen wissen, wo Menschen mit Beeinträchtigungen auf Entgegenkommen zählen können und greifen oft unterstützend ein. Eine koordinierte Steuerung, Weiterentwicklung und systematische Umsetzung fehlen jedoch.