Ein Erfahrungsbericht von Andrea Fuchs, ehrenamtliche Hospizbegleiterin im Mobilen Hospizteam Linz
Worum es bei mir bei Hospizbegleitungen geht?
Ganz oft nicht um Krankheit, nicht um Sterben, nicht einmal um klassische „Hospizarbeit“. Es geht um - Beziehung.
Vor Jahren komme ich zu Familie S. Ich lernte Herrn und Frau S zu einer Zeit kennen, da war die Diagnose ALS bei Herrn S. bereits Teil des Lebens der Familie geworden.
Drei Jahre lang durfte ich Herrn und Frau S. begleiten, nicht um etwas zu tun, nicht um etwas zu reparieren, sondern um DA zu sein. Ja, das waren 3 Jahre voller Herausforderungen, Abschiede und Veränderungen - für alle. Anfangs konnten Herr S und ich miteinander reden, scherzen und lachen, philosophieren und diskutieren (Ma war er ein gescheiter Mann!). Aber – wie es bei ALS üblich ist – wurde die Kommunikation mit der Zeit immer schwieriger und schwieriger, die Worte verschwanden, Bewegungen verschwanden und am Ende blieben Augen, die klar und wach und voll Traurigkeit und manchmal auch Wut in die Welt blickten, und ein Körper, der nicht mehr gehorchte.
In dieser Zeit „brauchte“ mich Frau S. fast genau so viel wie „mein Klient“. Ja, wenn man nichts mehr wirklich tun kann, dann darf man das „NUR DA SEIN“ aushalten. Ach das klingt so einfach, ist es aber nicht. „Einfach nur da sein, das ist genug!“ Ach ja? Ich gehöre zu den Menschen, die möchten helfen, reparieren, Lösungen finden - so gut es geht. Aber ich darf immer und immer wieder lernen und erfahren, dass manchmal die größte Hilfe darin besteht gemeinsam auszuhalten, was nicht verändert werden kann.
Nach dem Tod von Herrn S. blieb der Kontakt zu seiner Frau bestehen, und was ursprünglich als Trauerbegleitung begonnen hatte, wurde zu einer Weggemeinschaft.
Alle zwei Wochen treffen wir uns zum Frühstück oder zu einem Spaziergang im Donaupark. Diese Begegnungen sind voller Leben, auch wenn unsere Wege mit den Jahren immer kürzer werden und die Pausen länger. Und wir merken beide: Begegnungen hinterlassen Spuren, die weit länger halten als der Moment selbst.
Wenn ich bei ihr ankomme, werde ich fast immer mit denselben Worten begrüßt: „Ma, sooo schön, dass du da bist. Danke, dass du mir die Kraft gibst, das Leben zu tragen.“
Jedes Mal berühren mich diese Worte. Immer.
Dabei habe ich das Gefühl, dass nicht nur sie von den Begegnungen profitiert. Auch ich gehe reicher nach Hause als ich gekommen bin, beschenkt mit Vertrauen, mit Offenheit, mit dem Mut eines Menschen, der trotz aller Herausforderungen dem Leben jeden Tag aufs Neue begegnet.
Manchmal reden wir über die großen Fragen des Lebens, manchmal über die kleinen Freuden des Alltags. Alles darf sein und für ein paar Stunden dürfen Sorgen leichter werden.
Inzwischen lassen ihre Kräfte stark nach. Vieles fällt um so viel schwerer als früher, die Krankheiten nehmen ihren Lauf. Und so sprechen wir inzwischen auch über das was kommen wird. Wir haben ihr Begräbnis bereits gemeinsam geplant. Bei der Musik sind wir uns noch nicht ganz einig – 6 Wunschlieder – 2 zu viel. Darüber können wir sogar lachen. Manchmal folgt auf das Lachen eine Träne und manchmal auf die Träne wieder ein Lachen. So ist das Leben.
Im Leben zwischen den Treffen begleiten uns lustige WhatsApp-Nachrichten. Ein Bild, ein Witz, ein Gedanke, kleine Zeichen die sagen: Ich denke an dich.
Vor einiger Zeit fragte sie mich: „Kommst du eh zu meinem Begräbnis?“ „Natürlich“, antwortete ich.
Das habe ich ihr versprochen.
Und dann gibt es diese Augenblicke, in denen mir so richtig tief bewusst wird, dass unsere gemeinsame Zeit endlich ist. Manchmal frage ich mich, wie es für mich sein wird, wenn dieser Tag kommt, wie es sein wird, an ihrem Sterbebett zu sitzen, wie es sein wird bei ihrer Verabschiedung Worte vorzulesen. Denn nach so vielen Jahren ist etwas entstanden, das mehr ist als eine Begleitung. Es ist eine ganz besondere Verbundenheit.
Hospizbegleitung wird oft mit Abschied und Tod verbunden.
Aber vielleicht geht es darum, nicht den Tod in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das, was IM HEUTE noch möglich ist. Das Leben mit allem, was dazugehört: mit Freude und Schmerz, mit Hoffnung und Abschied, mit Lachen und Tränen und mit Menschen, die einander auf diesem Weg die Hand reichen – und manchmal auch um ein herzhaftes gemeinsames Lachen mitten in einem Gespräch über das Sterben und den Tod.
Vielleicht ist das eines der größten Geschenke dieser Arbeit: Zu erleben, wie viel Leben selbst in schweren Zeiten noch möglich ist.
