Luan und Hortleiter Wolfgang Holzinger beim Fingeralphabet. Eines der Interessen des Neunjährigen.

„Unsichtbar“ und deshalb oft unverstanden: Menschen mit Autismus

Am Sonntag, 2. April, ist der internationale Welt-Autismus-Tag. Die Caritas OÖ begleitet und betreut an verschiedenen Standorten Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Autismus. „Es mangelt oft an Verständnis in der Gesellschaft, weil Autismus im Gegensatz zu einer körperlichen Einschränkung nicht sichtbar ist“, erklärt Maureen Kaes aus Linz, Mutter eines Buben, der in St. Isidor in Leonding den Integrativen Heilpädagogischen Hort besucht.

Der neunjährige Luan braucht immer das Gleiche, um sich wohl zu fühlen: Bus, Schule, Bus, Hort und danach Papa und Mama. Für die Familie ist die starre Alltagsstruktur eine herausfordernde Situation, noch dazu weil die Verwandten beider Elternteile im Ausland leben. Zeit für Erledigungen und für sich selber bleibt den Eltern nur, wenn Luan in der Schule oder im Hort ist. „Luan ist ein kleiner Entdecker und man darf ihn keine zwei Sekunden aus den Augen lassen. Er probiert vieles aus und ist dabei unglaublich schnell. Dreht man sich einmal um, ist schon das Spielzeug in der Mikrowelle oder das Handtuch im Klo hinuntergespült. Er liebt es, Knöpfe zu drücken“, erzählt Maureen Kaes, gebürtige Belgierin. Die Annahme, Autisten bräuchten Ordnung, trifft auf Luan nur bedingt zu. Luan liebt das Chaos, das er selber macht, wie etwa Schränke auszuräumen, Spielzeug, Bettwäsche und Kleidung auf den Boden zu schmeißen und dann wegzulaufen. Aber alles andere als sein selbst verursachtes Chaos muss klar und deutlich für ihn sein und immer wiederholt werden. „Das ist auch die Herausforderung im Umgang mit Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung: Die Ausprägungen können sehr verschieden sein und erfordern, dass man die individuellen Bedürfnisse gut kennt“, erklärt Wolfgang Holzinger, Leiter des Integrativen Heilpädagogischen Horts, wo Luan vier Mal in der Woche betreut wird. In der Praxis ist es für das Hort-Team hilfreich, dass mit Luans Mutter ein enger Austausch besteht und der Neunjährige schon zuvor den Integrativen Heilpädagogischen Kindergarten in St. Isidor besucht hat. Die Kollegin hat beim Horteinstieg schon viel an Expertise mitgeben können. „Langsames Eingewöhnen, klare Strukturen und Rituale im Tagesablauf sind Voraussetzung, dass sich die Kinder wohl fühlen. Gleichzeitig setzen wir auch Regeln und Grenzen. Damit es die Kinder verstehen, kommen Symbole oder auch aufgeklebte Stoppschilder am Boden zum Einsatz.“

Ob im Hort oder Zuhause: In den gewohnten vier Wänden ist es einfacher. Mutter Maureen Kaes erzählt: „Außerhalb der Wohnung, wo ich keine Kontrolle habe, ist es schwierig. In der Öffentlichkeit haben manche Leute kein Verständnis. Ich weiß, Luan kann nerven. Was viele Leute als nervend und störend empfinden, ist für Luan eine Art, mit seinem Stress, seiner Überforderung oder mit einem Glücksgefühl umzugehen. Es gibt Leute, die sich einmischen und mir raten, das Kind besser zu erziehen oder endlich einmal aufs Klo zu setzen, weil er noch Windeln trägt. Bei solchen Ratschlägen werde ich wütend.“ Selbst wenn die Mutter erklärt, dass ihr Sohn die Diagnose Autismus hat, stößt sie auf Unverständnis: „Es mangelt nach wie vor an Bewusstsein und Toleranz in der Gesellschaft für diese Form der Beeinträchtigung.“ Ihr großer Wunsch wäre, dass es auch außerhalb des Integrativen Reitzentrums St. Isidor Freizeitangebote für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung gibt. Bisher hat sie leider noch keinen Verein gefunden, der Luan eine Chance gibt: „Eine Karate-Schule wäre ideal, weil dieser Sport die Kommunikation und die Selbstkontrolle fördert und man dabei schreien darf. Luan schreit sehr gerne und viel. Es würde in einer Gruppe trainiert werden, aber das ganze wäre trotzdem individuell.“

 

Unterstützung für Familien

Angehörige von Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störung und anderen Beeinträchtigungen erhalten in St. Isidor Unterstützung für den herausfordernden Alltag. Das Projekt Meander bietet kostenlose psychologische Beratung, Entspannungsgruppen, Themenabende und Gesprächsrunden sowie Angebote für Geschwisterkinder.